Rund um den Diemelsee, oder:

Manchmal kommt alles ganz anders!

Die zweite Wandertour führt uns in das nah gelegene Sauerland, an den Diemelsee. Es ist Freitagmorgen, das Wochenende naht und die Sonne blickt von einem frühsommerlichen Himmel. Das Auto ist schnell gepackt, wir haben die Rucksäcke, das Zelt, Isomatten und Schlafsäcke gut verstaut. Es ist genügend Proviant eingepackt, denn die kommende Wanderung soll uns einmal um den ganzen See herumführen, eine Strecke, die im Wanderführer als „schwer“ bezeichnet wird und über 20 Kilometer misst. Auch sind wir neugierig auf das, was als „schwer“ bezeichnet wird und wir wollen es ausprobieren. Deswegen haben wir auch für Lily, unsere forsche Dalmatinerhündin, genügend eingepackt.

Vor einigen Tagen ist die Ausrüstung zum Kaffeekochen angekommen. Das Wetter ist herrlich und wir genießen die Fahrt durch sommerlich blühende Landschaften, die an mediterrane Gegenden erinnern.

In Heringhausen, einem kleinen Dorf gleich hinter der schweren Staumauer des Sees, finden wir einen Parkplatz, schultern die Rucksäcke und gehen einige Schritte in Richtung des Ufers. Heute fühlt es sich ungewohnt an, der Rucksack wiegt schwerer als bei anderen Wanderungen. Die zweite Fasche Wasser, die ich für den Kaffee mitgenommen habe, der Akku für Handy und Stirnlampe bringen mehr Gewicht mit. Auch die Umverteilung der Gegenstände im Rucksack ändert nichts an der eher unangenehmen Statik, die am Rücken zieht. Es drückt und zieht an allen Enden. Kurz bevor wir den Start des Wanderweges erreichen, geht noch ein dienstlicher Anruf ein, es dauert, bis ich die Frage des Anrufers beantworten kann, lässt mich aber auch weiterhin an die Verantwortung im Job denken. Jule steht währenddessen am Ufer des Diemelsees, genießt die Schönheit des glitzernden Wassers, in der sich das Sonnenlicht spiegelt. Kurze Zeit später geht es los.

Idyllisch und einladend: Heringhausen, kleines Dorf am See. Am Dorfrand finden sich aber noch zahlreiche Campingplätze, Hütten und eine Wiese mit Ferienhäusern…

Auf dem Weg zu „Sankt Muffert“

Die Rucksäcke auf den Schultern, Dalmatinerhündin Lily gewohnt voran, starten wir unsere zweite Wanderbar-Wanderung mit einem ersten steilen Anstieg durch einen Wald. Es ist warm, schönstes Sommerwetter. Der Weg wird mit jedem Meter steiler, wir merken das Gewicht der Rucksäcke, das gefühlt mit jedem Schritt unangenehmer wird. Bereits nach den ersten Metern kann ich die Definition „schwer“ unserer Wander-App verstehen und weiß nun für die nächsten Planungen zwischen leicht, mittel und schwer zu unterscheiden. 

Nach einer halben Stunde kommen wir, nachdem wir unter tief herabhängenden Ästen durchgeklettert sind, am Waldrand an eine große Weide, wir genießen die Aussicht auf weiter entfernt liegende Dörfer und Kotten. Es ist die dem See abgewandte Seite, aber nicht minder malerisch. Es duftet nach Heu und Allgäu.  

Noch immer sitzt der Rucksack nicht richtig, erneut versuche ich die Gurte zu ändern und das Gewicht des Inhalts zu verlagern. Wir gehen weiter, der schmale Waldweg führt uns in Serpentinen zum „Sankt Muffert“, so heißt hier nicht nur die Diemelsee-Fähre, sondern auch ein Aussichtspunkt, der hoch über dem See liegt. Das Bild, das sich uns von hier aus bietet, könnte sich auch in Zeitschriften wie Merian oder der Geo abgedruckt finden! Der Diemelsee glitzert bläulich-silbern in der Sonne, seine beiden „Arme“, er breitet sich aus dieser Sicht v-förmig aus, fügen sich in die Natur wie eine vollkommene Symphonie aus Wasser, Bäumen, Wiesen, Feldern und Wegen. Hier bieten sich wunderbare Fotomotive, aber auch, was Jules Eltern, beide Journalisten, immer als „Redaktionszweige“ bezeichnet haben, ist nützlich: Zweige, die häufig auf Fotos wie zufällig als eine Art Rahmen im Vordergrund zu sehen sind und die Bilder interessanter machen, ihnen Tiefe und Struktur geben. Jule ist in ihrem Element.

Von der hochgelegenen Aussicht können wir einige Segelboote, die langsam über den See fahren, beobachten. Sie wirken klein und spielzeughaft. Von einem Steg, der ins Wasser führt, springt jemand ins kühle Wasser. Vom Aussichtspunkt „Sankt Muffert“ aus, der aus einer Bank und einer kleinen ausgetretenen Plattform besteht, ist es ruhig und wir hören hin und wieder nur weit weg ein Motorrad am Seeufer entlangfahren – der Diemelsee und seine Umgebung sind eine beliebte Bikerstrecke.
Jule will ihr Aufnahmegerät einsetzen und packt es aus, um weitere Eindrücke für den Podcast aufzunehmen. Allerdings bemerkt sie das Fehlen des „Ploppschutzes“ vom Mikrofon, ein Schutz, der vor allem Windgeräusche herausfiltern soll. Als wir losgingen, war er definitiv noch da. Da das Aufnahmegerät in einer Seitentasche des Rucksacks mit dem Kopf nach oben verstaut war, vermutet sie, dass herunterhängende Äste der Buche am Waldrand es abgestreift haben. Jule beschließt einige Hundert Meter zurückzugehen und hofft, ihn wieder zu finden. Ich warte mit Lily am Aussichtspunkt. Irgendwann kehrt Jule zurück – ohne den Ploppschutz, er bleibt verschollen. Noch immer sind wir im Hier und Jetzt nicht angekommen oder entspannt, wie es sein sollte, zu vieles, was bis jetzt nicht passen will. 

Wir treffen zwei Wanderinnen, die sich verlaufen haben und zeigen ihnen den richtigen Weg. Im weiteren können wir eine Familie mit Kindern im jugendlichen Alter beobachten, die ihre Smartphones der malerischen Aussicht auf den Diemelsee vorziehen. Auch als wir weiterziehen, will sich noch immer nicht der „Wanderflow“ einstellen, ein Gefühl, wenn man irgendwann „voll drin“ ist, der Kopf frei wird und die Füße von alleine gehen. Es ist die Befreiung von Körper und Seele, die für uns den Reiz des Wanderns ausmacht. Lily hat ihn scheinbar bereits erreicht, denn sie läuft wie immer neugierig und fröhlich vor uns her und genießt dabei zu sein. Hund müsste man sein, dann ist manches wohl leichter, denke ich!

Wir sind mittlerweile weitere Stunden unterwegs, mein Rucksack drückt noch immer unangenehm, es bleibt anstrengend. Wir tauschen Sachen, packen um, nichts will so richtig helfen. Vielleicht ist es auch das mentale Gewicht der zurückliegenden arbeitsreichen Woche, das ich ebenfalls mit geschultert habe?

Wir gehen weiter, lassen den steilen Weg hinter uns und kommen in offeneres Gelände. Wir beobachten Vögel am Himmel, entdecken in den überwiegend grünen Wäldern des Sauerlands auch die braunen, durch Borkenkäfer und Trockenheit entstandenen Schäden im Baumbestand. Viele Nadelbäume sind auch hier abgestorben und lassen die unnatürlichen Einflüsse durch Menschen erahnen.

Lily und Jule auf dem Weg zur Staumauer, hier treffen wir auf Jens.

Landwirt Jens – sympathisch und bodentändig

An einer weiteren, eher versteckten Aussichtsstelle, machen wir kurze Rast und beobachten einen jungen Mann, der mit dem Auto bis hier hin gefahren ist. Wir sind überrascht, führt doch eigentlich nur ein kleiner Kiesweg her. Der Fahrer wirkt wie jemand, der hier gerade eine Aufgabe zu verrichten hat, vielleicht auch etwas kontrolliert. Auf seinem Shirt steht etwas von „Weizen-Cup“ und wir vermuten eine Trinkvereinigung junger Männer, die gern Weizenbier nach Feierabend genießen.

Bergab führt uns der Weg dann weiter in Richtung der monumental wirkenden Staumauer. Selbst das Bergabgehen fühlt sich nicht leicht an. Wir versuchen aber alles mit ein wenig Humor zu nehmen.

Auf dem Weg zur Staumauer hin, der uns an einem großen Wasserbecken entlangführt, begegnen wir erneut dem jungen Mann mit seinem Kastenwagen. Vielleicht ist er eine der Begegnungen auf unseren Wanderungen, die wir kennenlernen und interviewen möchten, denke ich und spreche ihn an. Über unser Interesse scheint er sich zu freuen und erläutert Jule im Interview, dass der „Weizen-Cup“ keine Trinkvereinigung ist, sondern ein Wettbewerb unter jungen Landwirten, bei dem es gilt, den besten Weizen auf dem Acker zu züchten. Er heißt Jens und erklärt weiter, dass er Jungbauer ist, an diesem Nachmittag ein paar Stunden frei hat und in Erinnerung an alte Zeiten den Diemelsee und Freunde besucht. Ein sympathischer Mensch, mit dem Jule ein längeres Gespräch für unseren Podcast führt. Das Leben als junger Landwirt ist nicht einfach, Zeit ist rar und Auszeiten wie diese am Diemelsee sind selten, erklärt er ihr weiter. Tiere, Land und Verpflichtungen rufen, streng nach der Uhr und den Jahreszeiten getaktet.

Landwirt Jens und Jule

Landwirt Jens und Jule strahlen um die Wette!

Wir freuen uns über die spontane und offene Begegnung mit Jens. So schwer die Wanderung bis jetzt war, so einfach und selbstverständlich sind diese Situationen – „wenigstens etwas“, lachen wir, allerdings mittlerweile etwas müde, der Weg bis hier hin hat uns einiges abverlangt.

Der Weg führt uns über eine lange Treppe zur Staumauer hinauf, die wir anschließend queren müssen. Das erste Mal überlegen wir, oben angekommen, die Wanderung abzukürzen oder gar abzubrechen. Linker Hand würde uns der Weg, an der der Straße entlang zum Auto zurückführen, rechts geht der Wanderweg weiter. Mittlerweile ist es bereits früher Abend. Sollen wir weitergehen, unterwegs übernachten wie geplant oder zurückfahren und es dabei bewenden lassen? Nach einigem Hin und Her, Abwägung und Austausch von Argumenten dafür oder dagegen, entscheiden wir uns weiterzugehen und einen Ort zu finden um ein stärkendes Picknick einzunehmen, dort dann weiter zu überlegen. In einem abgeholzten Waldstück finden wir kurze Zeit später Baumstümpfe, die uns  als Tische dienen. Wir packen unser Proviant aus, Brote, Paprika, Kekse und Äpfel, dazu bereite ich mit dem Campingkocher einen ersten Kaffee zu. 

Auch Lily scheint der Weg zugesetzt zu haben, das haben wir bisher gar nicht bemerkt. Sie legt sich in aufgeschichtete Tannenzweige und schläft prompt ein. Vielleicht spürt auch sie etwas von dem, was uns auf den Schultern lastet, was auch immer es ist.

Der Kaffee ist fertig zubereitet, ist dünner als Tee, hellbraun farbig wirkt er zwar wie Kaffee, schmeckt aber lauwarm nach etwas Undefinierbarem, was wir dann der Natur übergeben. Auch das will heute nicht gelingen, offenbar ist an diesem Tag einfach der Wurm drin.

Vielleicht ist es dann auch das, was uns letztlich den Anstoß gibt, zu sagen: Komm, wir fahren heim. Nachdem die Entscheidung gefallen ist, wird es tatsächlich leichter, auch der Rucksack lässt sich die restlichen Kilometer bis zum Auto angehmer tragen. War es die mentale Belastung der letzten Tage, der Kopf, der nicht frei war und die vielen zusätzlichen Dinge, die wir eingepackt hatten und den Rucksack schwer gemacht haben? 

Am Ufer des Diemelsees spazieren wir zum Parkplatz zurück, müde, aber auch irgendwie zufrieden, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wichtig ist, in solchen Momenten darüber reden zu können – das ist ein großes Geschenk.

Am Auto angekommen, packen wir unser Gepäck ein, ebenso Lily, die fröhlich die letzten Meter mitgegangen ist und verabschieden uns vom abendlichen Diemelsee. Er ist zauberhaft und wir werden ganz sicher wiederkommen!  

Die folgende Nacht zuhause fühlt sich richtig an, besser als im Zelt im Wald, so sehr wir uns auch darauf gefreut hatten. Eine halbe Wanderung steckt uns in den Beinen, aber auch die viele Kopfarbeit, die uns zur Erkenntnis geführt hat, dass auch Wege abgebrochen werden können und müssen – eine Erfahrung, die gut ist, denn nichts lässt sich erzwingen. Das Leben bleibt spannend, auch die nächsten Wanderungen, die hier nach und nach folgen werden…

Abendstimmung am Diemelsee