22. und 23. Mai 2020


Es geht los – vom Glück, unterwegs zu sein!

Bad Karlshafen – Helmarshausen – Weser-Skywalk

Es ist ein Glück, unterwegs sein zu können. Uns zieht es hinaus in die Natur, in das Leben der kleinen Städte und beschaulichen Dörfer am Wegesrand. Auf unseren Wanderungen wollen wir unser Land besser kennenlernen und unbekannte Orte vom Meer bis zu den Bergen erfahrbar machen. Manchmal sind es aber auch nur die kleinen Wege, nur einige Schritte von der eigenen Haustür entfernt, den Rucksack packen und einfach losgehen,
ohne ein Reisebüro aufsuchen oder andere Dinge planen und bedenken zu müssen. Wir wollen dem Charakter einer Landschaft oder eines Dorfes nachspüren, sind neugierig auf Begegnungen mit den Menschen, die seit Jahrhunderten das Land prägen.

Unsere Wanderungen sind kleine Auszeiten vom Alltag. Es ist gut mal „offline“ zu sein und das Leben wieder „analog“ wahrnehmen zu können: den Herzschlag der Natur, den eigenen Puls, das Ein- und Ausatmen, das Rauschen des Windes und die Stimmen der Tiere, die uns begleiten. Im Freien sein, für eine zeitlang die eigenen vier Wänden zu verlassen und die Anforderungen, die der Alltag manchmal an uns stellt, zu vergessen und den „drahtlosen“ Kontakt zur Natur aufnehmen können – das zu spüren ist wunderbar und wanderbar, Schritt für Schritt.

23.05.2020

Es ist Ende Mai, wir sind unterwegs zu unserem ersten Ziel. Die Landschaft ändert sich bereits hinter Bad Driburg. Die Natur hat ein sattes Grün angenommen, wirkt frisch und voller Energie. Die Dörfer werden kleiner, übersichtlicher und beschaulicher, vereinzelt werden landwirtschaftliche Höfe in der weiten Landschaft sichtbar. Die roten Dächer der Häuser liegen verstreut in der von sanften Hügeln und dichten Wälder durchzogenen Ebene. Der frühe Nachmittag strahlt eine wunderbare Ruhe aus.
Das Ziel, Bad Karlshafen und Startpunkt unserer ersten Wanderung, ist schnell erreicht. Wir finden einen kostenlosen Parkplatz in der Hauptstraße des bekannten Kurstädtchens und gehen mit Lily, unserer alten und weisen Dalmatiner-Hündin, die Stadt erkunden. Der erste Eindruck ist ernüchternd. Zahlreiche Geschäfte wirken ver- und geschlossen, wie seit bereits langer Zeit aufgegeben. Viele der großen Schaufenster sind verdreckt, die angebotene Auslage ist übersichtlich angeordnet und wirkt veraltet. Es finden sich Angelbedarf, Damenbekleidung oder buntes Geschirr. Bei „Foto Fritz“, das in schönen Lettern über einer schmalen Tür eine weiße Hauswand ziert, lassen uns leere Regale vor grauen Gardinenvorhängen sprachlos weiter ziehen.

Ein großer Kiosk, nur ein paar Schritte weiter, zeigt seine Ware in großen Schaufenstern. Das rechte, direkt neben der Eingangstür, preist in grüner Leuchtklebeschrift  „Geschenke für Jedermann“ an: Amerikanische Flaggen, Skateboards, Glühbirnen, Scheren, unterschiedliche Spirituosen in vor langen Zeit bekannten Marken-Dosen, Putzmittel, bunte Tassen und Teller, ein noch verpacktes Kinderplanschbecken, vergilbte Plastikblumen und noch vieles mehr. Ein grellrotes „Coca-Cola-Schild“ behauptet sich in der verblassten und verstaubten Auslage. Das Schaufenster der anderen Seite ist zu großen Teilen mit Werbehinweisen für das geschlossene „Bistro Anita“ verklebt, Hot Dogs, übergroße Hamburger und frisch gezapfte Biere sehen nicht gerade einladend aus. Uns zieht es zum Eiscafé auf die andere Straßenseite. Bevor wir später in Richtung Helmarshausen wandern, möchten wir noch einen Kaffee genießen.

Die wärmende Sonne hat sich in der Zwischenzeit hinter dichten Wolken verzogen, ein leichter und kühler Wind weht durch die Innenstadt. Alles wirkt jetzt noch trister – ein Mix aus dunklen Weiß- und Grautönen kann unseren Eindruck nicht erhellen. Wir finden vor dem italienischen Café einen freien Tisch, alles ist in entsprechendem „Corona-Abstand“ aufgestellt. Der Inhaber lehnt im rosafarbenen T-Shirt und mit einer weißer Schürze gekleidet an der Eingangstür und beobachtet das ruhige Treiben auf dem Bürgersteig meist sind es Rentner oder Motorradfahrer, wir erkennen sie an ihrer spezifischen Kleidung, die durch die Stadt flanieren.

Der Cappuccino weckt unsere Lebensgeister und lässt uns, jetzt mit Rucksäcken bepackt, entspannt losziehen. Ein Waldweg führt uns in Serpentinen von der Innenstadt und der belebten Landstraße weg, es geht bergauf, die Geräusche des Verkehrs verebben und sind bald nicht mehr zu hört.

Als wir nach einer halben Stunde aus dem Wald heraustreten sind wir von der weiten Landschaft überrascht: unser Blick geht über sich im Wind bewegende Weizenfelder, grüne Wiesen und wir entdecken weit entfernt liegende Höfe, die uns mit ihren schlanken Bäumen an italienische Landschaften denken lassen. Es wirkt fast surreal – kurz zuvor waren wir noch in der belebten Zivilisation, jetzt, nach nur einem relativ kurzem Weg, sind wir in einer ganz anderen Welt angekommen und stehen mitten in der üppig blühenden Natur. Wir sind am Dreiländereck, hier treffen sich die Landesgrenzen von Nordrhein Westfalen, Hessen und Niedersachsen. An manchen Stellen sind schwere Steinblöcke in die Erde gerammt und verdeutlichen die undurchsichtige Ab-Grenzung zum jeweiligen Bundesland.

Es fühlt sich gut an unterwegs zu sein. Das Gehen lässt den Alltag, das laute urbane Leben, schnell vergessen.

Der Weg führt uns weiter am Wald entlang, rechts von uns das weite und offene Land, auf das wir immer wieder blicken. Lily ist ruhig und zufrieden, läuft stets schnüffelnd voraus, lässt uns aber nicht aus dem Blick und kehrt immer zu uns zurück. In der nächsten Stunde beobachten wir grasende Pferde auf eingezäunten Koppeln, grüßen uns entgegenkommende Wanderer, sind erstaunt von alten Bäumen die am Wegesrand stehen und lassen uns von der Wander-App sicher in Richtung Helmarshausen führen. Der angenehme Weg führt uns an einer alten Burgruine und einzelnen Fachwerkhäusern vorbei, sie versetzen uns bei der Betrachtung in weit entfernte Zeiten zurück (BK 6, BK 7)). So wird es wohl vor einigen hundert Jahren gewesen sein, denke ich, ursprünglich belassene Feldwege, Burgen, schwebende Milane und menschenleere Baumalleen. Alles wirkt zeit- und schwerelos. Das Gehen beflügelt uns, immer wieder legen wir kleinere Pausen ein und lassen die Umgebung leise auf uns wirken. Unserer Dalmatiner-Hündin gefällt es (BK 8, BK 9).

Irgendwann erreichen wir das Café Krukenburg, ein kleines Restaurant mit einer Außenterasse, das derzeit geschlossen hat. Seinen Namen hat es vermutlich von der alten Burg übernommen, die nur ein paar Gehminuten von hier aus entfernt liegt. Von dem erhöhten Blick aus sehen wir die Dächer von Helmarshausen, einer im Jahr 994 erstmalig erwähnten Siedlung (BK 10). Hinter der hessischen Kleinstadt, die an der Grenze Nordhessens liegt, fließt die Diemel, sie mündet nach nur ein paar Kilometern in die Weser bei Bad Karlshafen. Ein schmaler Weg in Serpentinen, ausgewiesen als „Diemeltaler Schmetterlingsweg“, führt uns direkt in den Klosterhof der ehemaligen Benediktinerabtei Helmarshausen. Im Innenhof der gepflegten Anlage ist es ruhig, wir sind die einzigen Besucher. Eine kleine Holzbank unter einen großen Eiche lädt uns zum verweilen ein, jedoch wird der Wind zunehmend heftiger, lässt die Äste über uns laut knacken und schickt irgendwann dicke Regentropfen zu uns herüber. Es donnert und die zunächst vereinzelten Tropfen verwandeln sich in einen heftigen Regenschauer der uns in die Klosterkirche flüchten lässt – gerade noch rechtzeitig, denn hinter uns öffnet der tiefschwarze Himmel seine Schleusen, die Gebäude gegenüber verschwimmen in der Heftigkeit des Niederschlags.

Wir haben Glück, die kleine Kirche ist geöffnet. Der Innenraum wirkt dunkel, schnell gewöhnen wir uns an das diffuse Licht und wir erkunden den schmalen und mit langen Bänken besetzten Raum. Auch Lily lässt sich es nicht entgehen – neugierig stromert sie durch die Bankreihen. Sie fühlt sich sichtlich wohl. An den Kirchenbänken sind kleine Schilder mit der Aufschrift „Schön, dass du da bist“ angebracht. Wir fühlen uns willkommen. In einer kleinen Opferschlafe zünde ich drei Teelichter an, in der Dunkelheit werfen sie ein beruhigendes Licht an die kühlen Wände. Unaufhörlich prasselt jetzt der Regen auf die schmalen Gehwege vor der Kirche. Wir versuchen durch lang anhaltendes und hörbares Summen unseren eigenen Ton zu finden. Es fällt nicht leicht, es ist zu ungewohnt, sich in dieser Weise plötzlich zu offenbaren. Und trotzdem löst das leise Singen unsere innere Anspannung. Wir spüren Zeitlosigkeit an einem uns unbekannten Ort, der uns in dieser Situation kleine Heimat wird, ein „zu Hause“ und Schutz bietet.

Irgendwann lässt der Regen nach. Der Kirchenküster betritt den Raum, nickt uns stumm zu, betätigt einen Schalter und schaltet die Glocken der Klosterkirche an. Es ist 19 Uhr, wir schultern unsere Rucksäcke, führen Lily an der Leine hinaus und gehen dankbar in das Zentrum des Dorfes. Ein leichter Regen setzt ein, in der Hauptstraße finden wir unter dem Vordach des Helmarshausener Heimatmuseums Schutz, essen Knäckebrot mit Marmelade, Chips, trinken Wasser und beobachten die Menschen vor uns auf der Straße. Jugendliche unter bunten Regenschirmen schlendern an uns vorbei, sie grüßen freundlich, wir grüßen zurück. Eine kleine Gruppe älterer Männer, intensiv im Gespräch vertieft, grüßt ebenfalls zu uns herüber, was wir erwidern. Noch wissen wir nicht, dass wir

Gastwirtschaft „Deutsches Haus“

Ein altes uriges Fachwerkhaus, ausgeschildert als „Gastwirtschaft Deutsches Haus“, zieht unsere Blicke auf sich, es sieht einladend aus und zusammen mit Lily betreten wir den Schankraum, wir finden einen freien Tisch. Hier treffen wir die älteren Herren wieder, die kurz zuvor auf der Hauptstraße an uns vorbei gegangen sind (BK 14). Unaufgeregt sind sie im Gespräch vertieft, genießen frisch gezapftes Bier, Wurst und Käsebrote.

Sie erkennen uns wieder und winken uns freundlich zu. Während Lily und ich am Tisch sitzen bleiben, nutzt Jule die Chance, die Männer und Achim May, den Wirt, für unsere erste Wanderbar-Podcastfolge zu interviewen. Der Gastwirt beantwortet Jules Fragen gern, wirkt offen und erzählt, dass er seine Gastwirtschaft heute, nach neun langen Wochen der Corona- Zwangspause, das erstmal wieder öffnen darf. Auch der Männerrunde gefällt es, Jules Fragen zu beantworten. Endlich können sie in der Dorfkneipe, natürlich mit den Maßnahmen der derzeitigen Corona-Krise, ihren rituellen Freitagabend mit Gesprächen, Getränken und anderen Genüssen genießen – und das schon seit 50 Jahren! 

Ich bestelle ein letztes Bier, ebenso belegte Brote mit Gurken, die wir uns für später einpacken lassen. Lily erhält eine Schale mit Wasser und noch einmal liebevolle Streicheleinheiten von der Bedienung, die sie sichtlich genießt. Überhaupt strahlt unsere lauffreudige Hündin eine große Ruhe und Zufriedenheit aus, die sich auch auf uns überträgt. Es ist schön, sie dabei zu haben. Wir brechen auf, verabschieden uns von der Herrenrunde und Achim, Lily bellt zum Abschied laut in die Runde. Es fühlt sich an, als wären wir schon seit langem gute Bekannte der Gastwirtschaft. Der freundliche und vertraute Abschied tut gut. Der Regen hat nachgelassen, Nebel steigt über dem Wald auf. Es ist eine ruhige und leise Stimmung im Ort. Hinter einer Brücke, die uns über die Diemel führt, finden wir neben dem örtlichen Sportheim auf einer Wiese, die von Büschen und Bäumen gerahmt ist, einen kleinen Zeltplatz für die Nacht. Es ist dunkel als wir endlich müde und warm eingepackt in den Schlafsäcken liegen. Auch Lily wird diese Nacht im Zelt schlafen, zu nass ist die Wiese im kleinen und offenen Eingangsbereich des Zeltes von den Regenschauern des Nachmittags.

24.05.2020

Am nächsten Morgen werden wir früh wach, draußen ist es noch ruhig, das monoton dahinfließende Wasser der nahegelegenen Diemel wirkt beruhigend. Mit dem Aufbruch lassen wir uns Zeit. Nachdem wir in Ruhe das Zelt und alles andere eingepackt haben, finden wir den „Sonnenweg“, den uns Achim, der Wirt vom „Deutschen Haus“, empfohlen hatte. Noch fehlt die Sonne, aber der Weg, der an der Diemel entlang durch den Wald führt, lässt sich angenehm laufen (BK 16).
Nach gut einer Stunde erreichen wir Bad Karlshafen, wir bummeln entspannt durch die noch leeren Straßen des Ortes, betrachten die alten Häuser mit ihren üppigen Gärten und hohem Baumbeständen (BK 17). Die Lust auf ein baldiges Frühstück, das wir uns in der Stadt erhoffen, steigert die Vorfreude auf den letzten Metern entlang am Kanal. Irgendwann erreichen wir die Hauptstraße, lassen unsere Rucksäcke im Auto und genießen auf der Terrasse einer kleinen Bäckerei frischen Kaffee, Brötchen und Croissants.

Weser-Skywalk

Die Müdigkeit weicht schnell einer neuen Energie, wir sind auf den letzten Metern zum Weser-Skywalk, einem kurzen Wanderweg in Serpentinen, der zu einem Aussichtspunkt auf fast 100 Metern in der Nähe der Stadt Würgassen führt (BK 19). An diesem Sonntag sind wir nicht die einzigen, die unterwegs sind: viele Spaziergänger und Wanderer quälen sich – mehr oder weniger mit Masken vermummt – auf den schmalen Waldwegen aneinander vorbei. Nach der ruhigen Wanderung gestern ist es für uns ein ungewohnter Anblick so vielen Menschen zu begegnen. Lily aber führt uns unbeirrt, ruhig und neugierig bis zum Ziel, einer Aussichtsplattform, die sich an den Berg schmiegt und vier Meter über den Klippen hinausragt. Von hier aus haben wir einen weiten Blick über das Obere Wesertal, auf die blühende Landschaft und den gegenüberliegenden Reinhardswald. Wir
beobachten Ruderergruppen in kleinen Booten, die sich hintereinander auf der Weser abwärts treiben lassen während eine kleine Fähre vom Dorfrand des Örtchens Herstelle mit seiner alten Dorfkirche Fahrradfahrer von der einen auf die andere Uferseite hinüberbringt. Von hier oben wirkt die Welt friedlich und ruhig, der weite Blick lässt uns am Ende unserer ersten Wanderung bereits auf die nächste freuen, mit dem Fazit: dieser Weg ist wunderbar und empfehlenswert „wanderbar“.

Travel Gallery

Hier findet ihr Impressionen von Bad Karlshafen und Umgebung.

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