Es geht los…

Ein ganzes freies Wochenende liegt vor mir, ebenso der voll gepackte Rucksack und ein noch etwas müder Hund. Gleich soll es losgehen auf meine erste mehrtägige Wanderung – allein, einfach von zuhause los. Noch einmal gehe ich im Geiste durch, ob ich wohl alles eingepackt und nichts vergessen habe. Ein ulkiges Gefühl, direkt von hier loszugehen, aus der Tür, über den Hof, die Einfahrt entlang, meine Straße raus und durch meinen Ort in Richtung des nächsten. Markus kann an diesem Wochenende aufgrund der Arbeit leider nicht mitkommen, verabschiedet mich aber noch und wünscht mir eine gute Zeit. Es ist gut zu wissen, dass, sollten der alte Hund oder ich „schlapp machen“, dass wir Hilfe haben und uns bei ihm melden können. Schließlich ist Lily 13 Jahre alt – und ich bin auch noch nie längere Strecken an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen gegangen.

Tag 1

Die ersten Meter, auch die ersten paar Hundert Meter und zwei Kilometer fühlen sich nicht anders an als sonst Brötchen holen gehen oder meinen Ort zu Fuß erkunden. Nichts, dass ich nicht schon einmal gemacht hätte… aber dennoch ist meine Ahnung, das wird sich gleich ändern. Der Tag ist noch jung, es ist Freitagmorgen, ca. halb zehn und der Alltag ist überall zu spüren. Ich sehe Menschen bei der Arbeit, Autos steuern zielstrebig Bestimmungsorte an, Ruhe hat kaum jemand. Auf der Verbindungsstraße zum nächsten Ort, neben der ich auf dem Radweg entlangwandere, stellt sich in mir jedoch die erste Ruhe ein.

Es ist eine recht stark befahrene Straße, man hört auch die Bundesstraße und die Autobahn in der Nähe, wahrlich kein idyllischer Wanderweg. Doch ich höre auch den Hund neben mir trotten, die Wolken stumm ziehen und meine Gedanken leiser werden. Das Auge kann sich nach und nach entspannen, erfährt weniger Ablenkung durch weniger Buntes, Vorgärten, Dekoration und Geschäfte um mich herum, sondern beginnt in die Weite der Felder zu schweifen. Mein Blick bleibt an grasenden Pferden hängen und meine Ohren filtern nach und nach die Straßengeräusche heraus. Nach etwa einer Stunde wandern wir durch Wewer, den nächsten Ort und einen Vorort von Paderborn. Heute lasse ich mich von meinem eigenen Orientierungssinn, ergänzt durch etwas Hilfe von Google Maps führen. Es gelingt, Wewers Ortskern nur kurz zu streifen und direkt am Ortsrand weiterzugehen. Was für eine Wohltat! Nach einem ruhigen Wohngebiet gehe ich jetzt – endlich – durchs Grüne und die Geräusche ebben nach und nach ab, sodass es auch um mich herum ruhig wird. Es ist ein Radweg, gesäumt von Bäumen und Büschen, an dem immer wieder kleine Wiesen auftauchen. Noch ist der Ort neben und hinter mir präsent, aber ich konzentriere mich auf die Natur, entdecke die ersten Rotkehlchen und Eichhörnchen und beginne mein Abenteuer zum ersten Mal zu realisieren.

Meine Füße haben mittlerweile fünf, sechs, sieben Kilometer absolviert und gehen von allein. Der Rucksack ist gut gepackt und stört kaum. Lily neben mir darf hier endlich von der Leine und läuft fröhlich um mich herum. Langsam stellt sich etwas Hunger ein, denn ich habe nicht gut gefrühstückt. Noch ist keine geeignete Stelle in Sicht, ich möchte Abgeschiedenheit, hier kommen doch immer noch einige Radfahrer entlang. Als ob mein Wunsch gehört wurde, tut sich kurz darauf eine Möglichkeit auf, links zur Alme, einem kleinen Fluß, herunterzugehen. Vor mir liegt ein großes Feld, neben dem ich gleich lange entlang gehen werde, auf dem ein Traktor seine Runden zieht und den lehmigen Boden zum Herbst durchpflügt. Doch erst eine kleine Pause. Lily und ich erreichen den Fluß und finden den perfekten Pausenplatz. Es hat geregnet und ist feucht, doch ich finde einen Baumstumpf, der mir einen idealen Platz zum Sitzen bietet und der Hund trinkt gierig das klare Nass. Äste hängen tief über dem Wasser, viele hochgewachsene Pappeln stehen entlang des Flusses und verlieren erste gelbliche Blätter. Durch Steine im Wasser bricht es sich und bietet meinem Auge während der kleinen Picknickspause einen Punkt, in dem es sich verlieren kann. Ich genieße es bis in Herz und Bauch, spüre die Freiheit des vor mir liegenden Wochenendes und atme tief durch. Langsam dringt es zu meinem Gemüt vor, dass ich in den kommenden Stunden einfach nur gehen und schauen und fühlen werde und nichts anderes muss als das. Eine spannende Erfahrung!

Gestärkt und erfrischt geht es an Wiesen und Feldern weiter in Richtung Borchen und später nach Etteln. Wir treffen an diesem Tag nur sehr wenige Menschen, die meisten arbeiten wohl und bei 10 Grad Außentemperatur sind auch nicht mehr so viele draußen und halten sich auf wie noch im Sommer. Es ist ein guter Tag, fühlt sich wundervoll an, einfach zu gehen, zu sein. Die Aufgaben der vergangenen Woche liegen weit hinter mir, die der nächsten sind noch angenehm weit weg.

Am Nachmittag erreichen wir Etteln, wo ich Lily und mir ein kleines Zimmer in einem Gasthaus gebucht habe. Wir werden freundlich empfangen und von der Chefin in das Zimmer im unteren Geschoss geführt, in dem sonst hauptsächlich Monteure unterkommen. Es gibt alles, was wir brauchen, ein Bett, ein kleines Bad, sogar eine Küche in Miniaturausgabe. Auf gestickten Deckchen steht neben dem Bett die Nachttischlampe und liegt neben dem TV die Fernbedienung. Ich werfe den Rucksack in die Ecke, gebe Lily Futter und Wasser, ziehe die Wanderschuhe aus und lasse mich aufs Bett plumpsen. Meine Füße und Beine brauchen nach 20 Kilometern eine Pause. Wie schön das ist! Das Bett ist eher schmal und hart, fühlt sich jetzt aber an wie der weichste Diwan, auf dem ich je gelegen habe. Lily rollt sich wie ein junger Fuchs ein und schläft bald schnarchend. Die alte Dame hat den Tag tapfer und super gemeistert. Wir ruhen zwei Stunden, dann holt uns Markus ab und wir gehen noch gemeinsam in einem schönen Lokal am Ortsrand Bratkartoffeln essen. Es tut gut, sich bei etwas Herzhaftem über den Tag auszutauschen, aber ich spüre, wie es nicht aus mir heraussprudelt, jedes Detail zu erzählen, sondern ich eher dieses Gefühl mit ihm teilen möchte. Spät wird es heute nicht, Markus liefert mich wieder im Gasthaus ab, von dem aus es morgen früh ja direkt weitergeht, in der Wirtsstube mit viel Holz trinken wir neben einem kleinen Grüppchen aus dem Dorf noch ein Radler und dann geht es in die Nachtruhe. Lily und ich schlafen ein wie die Steine und wachen am nächsten Morgen mit dem Hellwerden auf.

Tag 2

Ich spüre noch den gestrigen Tag in meinen Füßen und beschließe, um die Belastung zu verteilen, heute Morgen mein anderes Paar Schuhe, das ich eingepackt habe, anzuziehen. Eigentlich unsinniger Luxus, zwei Paar Schuhe auf einer so kurzen Wanderung bei sich zu haben, aber da meine Füße meine Schwachstelle sind, weiß ich um den positiven Effekt, den wechselndes Schuhwerk hat. Nach einem üppigen Frühstück, das bereits in der Wirtsstube auf mich wartet als ich eintrete, zahle ich und beginne Tag 2 meiner Wanderung mit den ersten Schritten, die ich auf die Straße setze. Der Tag ist noch müde und grau, aber es scheint trocken zu bleiben. Heute lasse ich mich, vollkommen ortsunkundig hier, von der Wander-App Komoot führen und bin gespannt, wie das funktionieren wird.  Nach wenigen Schritten auf der Hauptstraße gelange ich ins Grüne und bin heute schon direkt „mittendrin“ im Gehen, im Draußensein. Durch Felder, Graspfade (sehr feucht im Herbst) und wenige geschotterte Wege geht es heute also los in Richtung Kleinenberg, das nach am Nachmittag erreichen möchte. Vor mir liegen unter anderem die Dörfer Husen, Atteln und Holtheim und eine große Freude auf diesen Tag steigt auf. Was uns heute wohl passieren wird und wem werden wir begegnen? Nach kürzester Zeit sind meine Schuhe durchweicht, was für eine Schnapsidee, im feuchten Herbst stoffbespannte Outdoorschuhe anzuziehen. Ich hatte nicht einkalkuliert, dass Komoot ganz andere Wege kennt als ich gestern gegangen bin (viel Asphalt, somit trocken). Trotz nasser Füsse gehe ich fröhlich weiter und treffe keine Menschenseele. Dafür aber Rinder auf den Weiden, Vögel, einen Fuchs, meine innere Leichtigkeit. Als sich die Gelegenheit bietet, mache ich Rast unter einem herbstlich bunten Ahorn auf einer Bank und wechsele Schuhe und Socken. Eben habe ich länger mit einem Freund telefoniert, der heute Geburtstag und nichts vor hat und dessen Geburtsort ich gerade durchquert habe.  

Weiter geht’s nach der kleinen Rast unter dem Baum, direkt an einem liebevoll dekorierten Biohof am Rande des Dorfes. Heute begegne ich nur einer kleinen Gruppe dreier sich unterhaltender Männer am Rande des Sportplatzes, zwei auf Harken gestützt, einer in Polizei-Uniform, die ihren Plausch kurz unterbrechen, lächeln und mich freundlich grüßen. Auf einem Sportplatz spielt ein Vater mit seinen Töchtern Tennis, ein irgendwie ungewohnter Anblick im Herbst. Ich sehe ihnen kurz zu, verfolge mit Kopfbewegungen das Plopp-Plopp der Bälle auf Boden und Schlägern. Dann gilt es sich zu lösen und so gehe ich entlang von Tennisbällen, die über den Platz hinaus auf meinen Weg geflogen sind und nun inmitten des bunten Laubes liegen, weiter.

In der App verfolge ich hin und wieder meinen Fortschritt und habe heute das Gefühl, kaum voranzukommen. Dabei gehe und gehe und gehe ich. Noch lange ist nicht die Hälfte der heutigen Strecke geschafft, schade aber auch. Der Hund ist fit und trottet brav neben mir her. Wir sind ein gutes, eingespieltes Team und ich genieße unsere Zweisamkeit. Wer weiß, wie lange noch, frage ich mich stumm und blicke dankbar in Gedanken auf 13 schöne Jahre zurück.

Wir passieren wenige Wohnsiedlungen, kommen durch Wald, überqueren Brücken, gehen viel und lange am Wasser entlang, hier fließt die Altenau. An einer kleinen Siedlung begleitet mich bergauf rechts von mir eine Kuh ein Stück auf meinem Weg, wir beiden getrennt durch den Elektrozaun zwischen uns. Sie geht eindeutig mit uns mit und begeistert beobachte ich ihr Verhalten. Dabei bemerke ich nicht, wie sich von links ein älterer Herr im Elektroscooter nähert. Er spricht mich an, offenbar startet er gerade zu einem kleinen Ausflug. Eine – aus seiner Sicht – junge Frau mit Hund, allein und mit Rucksack, hier im Nirgendwo, das findet er doch spannend und fragt nach meinen Plänen. Ein ganzes Stück begleitet er mich, passt sein Tempo meinem an, als wir gemeinsam die Steigung nehmen. Er erzählt von seinem Unfall im vergangenen Jahr und dass jetzt eine Frau aus Osteuropa eingezogen sei. „6 km/h fäht der Rolli hier, genau das Tempo, das wir beim Militär immer marschiert sind“, erzählt er und dass von den alten Bekannten von damals nur noch er übrig geblieben ist. Auf der Kuppe des Hügels trennen sich unsere Wege und wir wünschen uns alles Gute. Über unsere Begegnung denke ich noch länger nach….

An diesem Tag sollten noch zwei Überraschungen passieren, mit denen ich nun wirklich nie gerechnet hätte. An gleich zwei Stellen wurde ich überrascht, einmal von dem Freund am Telefon mit Geburtstag, der mich am Weg mit Bier und Wurst abfängt und später von zwei Freundinnen aus der Schule, die mit einem Korb und Brombeerlikör meinen heutigen langen Weg versüßen. Was für herzerwärmende Begegnungen. Welche Freude alle Drei mir gemacht haben, versuche ich ihnen zu zeigen und bedanke mich herzlich. Beschwingt gehen wir weiter, mein Gemüt ist fröhlich, aber langsam reicht es, sagen meine Beine, als ich noch drei Kilometer vor mir habe. Auch der Hund läuft noch prima, aber wirkt langsam müder. Es wird Zeit, unsere Unterkunft zu erreichen. Mittlerweile liegen 24 Kilometer hinter uns. Die Mariengrotte, ein bekannter Pilgerort, ist das erste, was wir von Kleinenbergs Ortskern heute entdecken und machen noch eine kurze Rast, während derer ich zwei Kerzen anzünde.

Ein paar Hundert Meter noch, dann entdecke ich vor uns das „Pilgercafé“, zu dem ich einen Tipp erhalten hatte und einen sehr freundlichen Schriftwechsel mit den Inhabern führte. Frau Schumacher begrüßt uns und zeigt mir die Wanderherberge im ersten Stock. Ich bin platt, aber fürs Staunen reicht die Kraft noch! Was für eine wunderschöne Unterkunft. Eine Mischung aus freiliegenden Fachwerk, modern renoviert und liebevoll dekoriert. Sieben Betten, ein riesiger Raum, warm und gemütlich, den ich heute für mich habe. Glücklich packe ich aus und springe, was man noch so nennen kann nach 27 Kilometern, unter die geräumige Dusche, in der ich das heiße Wasser auf meinen Rücken prassen lasse, der zwei Tage lang den schweren Rucksack tapfer getragen hat. Abends beschließe ich in der Gaststätte gegenüber noch Burger mit Pommes zu essen, bevor ich satt und müde in die Kissen falle. Der Hund tut es mir gleich und schlummert binnen zweier Atemzüge.

Tag 3

Erfrischt wache ich morgens auf und staune über die regenerative Kraft der Nacht! Meine Beine und Füße fühlen sich trotz der längeren Strecke heute besser an als gestern und ich freue mich auf Markus, der gleich dieses Wanderabenteuer mit mir gemeinsam beenden wird. Davor aber: Frühstücken! Das Frühstück unten im Pilgercafé ist vielseitig und köstlich. Das herzliche Betreiber-Ehepaar frühstückt am Nebentisch mit mir und wir unterhalten uns gut. Was für ein Glück, hier zu sein! Im Anschluß führen wir noch ein kurzes Interview für den Podcast und ich erhalte eine kleine exklusive Führung rund um die Kleinenberger Kirche, u.a. zur 800 Jahre alten Linde.

Nachdem das Gepäck im Rucksack vertäut ist und ich die Unterkunft nur ungern hinter mir lasse, steige ich zu Markus ins Auto und wir fahren ein kurzes Stück in Richtung Eggeweg. Da wir beide morgen wieder arbeiten müssen, können wir das Wanderwochenende nicht beliebig verlängern, möchten aber den Sonntag mit einer gemeinsamen Wanderung beschließen. 10 gemütliche Kilometer werden es durch einen von Borkenkäfern und Trockenheit erschreckend zugerichteten Wald. Es ist der Wald meiner Kindheit, den ich lange nicht gesehen habe und kaum wiedererkenne. Aber dennoch tut es gut, an diesem feuchten Herbsttag durch die Natur zu gehen, weichen Boden unter den Füßen und wieder zu zweit zu sein. Wir erzählen uns von unseren Wochenenden und beschließen: Das nächste Mal machen wir das gemeinsam!

Fazit:

Zuhause einfach mal los, das ist eine Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann. Du entdeckst Deine Heimat noch einmal ganz neu und anders. Drei Tage sind für ein solches Mini-Abenteuer sicher eine gute Zeit. Und die – wie bei uns – 60 Kilometer an einem Wochenende schaffen auch bereits Wanderer mit normaler Fitness. Probiert es aus, es lohnt sich!

Fuß vor Fuß,

Pfote vor Pfote.

Schritt für Schritt.

Raus aus dem Alltag,

rein ins Gefühl.

 

Ankommen, Hiersein.

Rinde fühlen, Laub riechen,

durch Matsch waten,

Picknick genießen.

Nie schmeckt etwas so gut.

 

Heimat entdecken,

angenehm vertraut und doch so neu.

Der Wald nimmt mich auf

und schließt sich hinter mir.

Zur gleichen Zeit aufregend kühl

und umarmend warm.

 

Die Luft aufnehmen,

mit jedem Atemzug Frische und Dankbarkeit.

Stundenlang niemand treffen,

nur Füchse, Rinder, Vögel.

Dann das Lächeln eines Fremden.

Schritt für Schritt, Tausende davon.

Allein, aber nicht einsam.

 

Die Hand im kühlen Bach,

den weichen Boden unter den Füßen,

die Gedanken überall – und nirgendwo.

Der Blick nach Vorn.

Aktiv wie selten – und zugleich:

so ruhig wie nie.

 

Jule, inspiriert von dieser Wanderung.